Rede zum 1. Mai 2021

01.05.2021 – 18:54

Meine Rede zum 1. Mai 2021, gehalten auf dem Barfüsserplatz (es gilt das gesprochene Wort)

Als ob ein Leben in Würde Verhandlungssache ist!

Liebe Kolleginnen und Kollegen

Ich habe mich schon lange nicht mehr so gefreut auf einen 1. Mai. Ich habe kollektive Aktionen, Demonstrationen, Kundgebungen schmerzlich vermisst, denn das gemeinsame und öffentliche Engagement für „unsere Sache“ ist enorm wichtig . Gerade in dieser schwierigen Zeit, in dieser verstörenden und absurden Zeit.

Es ist eine absurde Zeit, in der verlogene Politik Mehrheiten gewinnen kann. Wir stehen heute hier zusammen und tragen selbstverständlich Masken um uns gegenseitig zu schützen und vor wenigen Wochen wurde die Burkainitiative angenommen. Dabei war es doch klar, dass es gar nicht um die Frage der Gesichtsverhüllung, sondern um Ausgrenzung und Diskriminierung geht.

Es ist auch absurd, dass in Basel vier Initiativen zum Wohnschutz und zum Recht auf Wohnen angenommen wurden und fast drei Jahre später noch immer Massenkündigungen ausgesprochen werden und viele Menschen Angst haben müssen, ihre Wohnung zu verlieren.

Es ist eine verstörende Zeit: In den Anfangszeiten der Corona-Krise erfuhr das Wort Solidarität eine neue Blüte und wir hofften alle auf ein neues Normal, in dem wir solidarischer miteinander umgehen und uns vom Zwang der Profitmaximierung verabschieden können. Doch weiterhin erreichen uns Horror-Bilder und –Nachrichten aus den Flüchtlingslagern in Griechenland und das Sterben auf dem Mittelmeer geht einfach weiter. Und ich frage mich, ob unsere Herzen aus Stein sind, dass wir dieses Elend so hinnehmen. (Oder müssen wir unsere Herzen versteinern , damit wir diese verstörende Zeit ertragen?)

Trotz globaler Coronakrise und dem damit verbundenen Wirtschaftseinbruch sind die weltweiten Militärausgaben im Jahr 2020 auf schätzungsweise 1,8 Billionen Franken gestiegen. Das ist genauso verstörend wie die enormen Profite, die gewisse Unternehmen und Privatpersonen dank der Pandemie erzielen.

Es ist eine schwierige Zeit: Die Corona-Krise hat die sozialen Ungerechtigkeiten verschärft. Zahlreiche Menschen haben ihre Arbeit verloren, sind in existenzielle Krisen geraten.

In anderen Bereichen sind die Menschen am Anschlag und arbeiten bis zum Umfallen – nicht erst seit der Pandemie.

Dass die Pflegefachkräfte öffentlich Applaus erhalten haben, war zwar eine schöne Geste, doch nun müssen weitere Schritte folgen, die über symbolische Wertschätzung hinaus gehen. Es braucht bessere Löhne, bessere Ausbildungsbedingungen und mehr Personal. Nicht nur in den Spitälern braucht es bessere Arbeitsbedingungen, es geht um den gesamten Care-Bereich, der endlich als das anerkannt werden soll, was er ist: Enorm wichtig für unsere Lebensqualität, enorm wichtig für unsere gesamte Gesellschaft. Die Arbeit, die im Care Bereich geleistet wird, diese Arbeit ist systemrelevant!

Wertschätzung für Lohnarbeit , wie auch für Gratisarbeit ist gerade in dieser Zeit ein zentrales Thema. Die Corona Krise wirkt da wie eine Lupe. Und es stellt sich die Frage warum z.Bsp. ein Manager einer Fluggesellschaft, einer Bank oder eines Pharma-Unternehmens so viel mehr Lohn erhalten soll, als eine Kindergartenlehrperson, oder eine Betreuerin in einem Altersheim oder in einer KiTa? Da läuft etwas grundfalsch.

Wenn wir etwas aus dieser Krise gelernt haben sollten, dann doch welche Arbeit wertvoll und wichtig ist! Es ist die Arbeit, die zu einem grossen Teil von Frauen geleistet wird.

Und es ist deshalb umso empörender, dass sich in der Pandemie die bestehenden Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern sogar wieder verschärft haben.

Genauso empörend ist auch, dass nun darüber gestritten wird, ob ein Mindestlohn von 23.- Fr. angemessen ist, oder ob es nicht doch lieber nur 21 Fr. pro Stunde sein sollen!

Als ob ein Leben in Würde Verhandlungssache ist!

Gerade in den Tieflohnbereichen arbeiten viele Frauen, MigrantInnen und Junge. Es kann doch nicht sein, dass ihre Arbeit so gering geschätzt wird, dass sie nicht einmal davon leben können.

Ich rufe Euch auf, im Juni ein überzeugtes Ja für die Initiative für einen Mindestlohn einzulegen und sozusagen als Notfallschirm auch ein Ja zum Gegenvorschlag.

Ihr habt vielleicht das Transparent von BastA! zur Mindestlohninitiative gesehen und euch ist die krasse Wortwahl aufgefallen. „wer weniger verdient ist früher tot“. Ja, das ist krass, aber es ist wahr!

Es macht etwas aus, wie viel finanzielle Ressourcen einer Person zur Verfügung stehen. Die finanziellen Mittel bestimmen die Bildungschancen, die Wohnsituation, die Gesundheit und sie bestimmen die Lebenserwartung.

Finanzielle Möglichkeiten machen den Unterschied, wenn Menschen an Corona erkranken, finanzielle Ressourcen haben einen Einfluss darauf, wie Menschen mit einer Krise umgehen können. Es macht etwas aus, ob ich vor jeder Zahnarztrechnung Angst haben muss und es macht einen Unterschied, welches Budget ich zur Verfügung habe, wenn ich eine neue Wohnung suchen muss. Die finanziellen Ressourcen machen hier bei uns einen Unterschied und sie machen weltweit einen Unterschied.

Wir wissen ja alle, dass Menschen in ärmeren Ländern weit stärker vom Klimawandel betroffen sind, als in der sogenannten Ersten Welt. Wir wissen, dass es soziale Gerechtigkeit braucht, um die Klimakrise zu bewältigen. Und wir wissen, dass die Klimakrise viele Menschen in die Flucht treibt und damit sind wir wieder bei meiner Aussage am Anfang angelangt: es ist eine verstörende, absurde, schwierige Zeit.

Aber es ist auch eine Zeit des Wandels und wir können den Unterschied machen. Wir machen den Unterschied weil wir uns gemeinsam engagieren: für eine andere Welt, eine solidarische Welt und für Klimagerechtigkeit!

Kämpfen wir gemeinsam für einen Mindestlohn, für echten Wohnschutz, für eine gerechte Verteilung der Erwerbs- und Nicht-Erwerbs-Arbeit, für die politische Teilhabe und Mitbestimmung auf allen Ebenen der Gesellschaft, für eine solidarische Migrationspolitik und für eine intakte Umwelt.

Es kommt auf uns alle an! Wir kämpfen für ein besseres Leben – für alle – und unser Kampf ist systemrelevant!

Vielen Dank für euer Engagement und für eure Solidarität, vielen Dank, dass ihr heute und in Zukunft da seid. Vielen Dank fürs Zuhören!

Foto: Markus Christen